FeldmochingMünchens größtes Dorf

 

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In den 60er Jahren befanden wir uns dann mitten im zweiten Stadium, den alle eingemeindeten Vororte durchmachten: dem der primitiven Okkupation. Es ist die Zeit des Baus der großen Wohnsiedlungen am Hasenbergl (1960-70), am Lerchenauer See (1963-68) und am Feldmochinger Anger (1970-74) sowie des Wachstums der alten Siedlungen. Sie veränderten nicht nur das Gesicht unseres Stadtbezirks erheblich, sondern auch die soziologische Struktur. Die Lebensformen der Stadt wurden uns ohne Rücksicht auf die Brauchbarkeit für den noch ländlichen geprägten Bereich aufoktroyiert. Man sprach zwar viel von den Dörfern im ländlichen Raum und ihrer Problemen, aber nie von den Dörfern im städtischen Raum. Die Einwohnerzahl in unserem Stadtbezirk schnellte innerhalb von nur 10 Jahren von rund 25.000 (1960) auf fast 60.000 (1970), also um 140 % in die Höhe.

Dann wird die letzte Stufe der Entwicklung erreicht: die selektive kritische Übernahme der von außen, also von der Stadt, herangetragenen vielseitigen Probleme. Die Auseinandersetzung mit den Dingen wurde bewusster, sie wurde selbstbewusster. Vor allem die neu zugezogenen Bürger brachten nach und nach frischen Wind in den Stadtbezirk. Sie wehrten sich zum Beispiel alsbald gegen den allzu üppigen Straßenbau: die ersten Bürgerinitiativen entstanden. Auch hinterließ das unruhige Jahr 1968 tiefe Einschnitte in das kulturelle Bewusstsein einer ganzen Generation nicht nur in unserem Land, sondern in der ganzen Welt. Einerseits vollzog sich einer tiefer Traditionsbruch, eine Art plötzlicher zweiter Aufklärung, andernseits setzte eine wertvolle kritische Rückbesinnung auf die Wurzeln ein.

Und genau hier beginnt die Bedeutung selbständiger und selbstbewusster Vereine, jener gesellschaftspolitisch so wertvollen Zellen dörflichen Lebens, wieder zu steigen. Sie können heute weiterbestehen, weil das Bewusstsein um ihre Bedeutung und Funktion im Bürger wieder gewachsen ist. Eine bedingungslose Anpassung an die Großstadt fand in diesen Bereich nicht mehr statt. Im Gegenteil: Hier machten sich jetzt bewusste Abgrenzungstendenzen bemerkbar.

Nach den Wirren des II. Weltkriegs, der Integration der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge in den Nachkriegsjahren und der aufgezwungen Mobilität durch den forcierten Wohnungsbau und neue berufliche Orientierung in den 60er Jahren trat nun in den 70er Jahren etwas Ruhe ein. Die Bürger begannen sich vermehrt für ihr Wohnumfeld und soziale Bindungen am Wohnort zu interessieren. Dies ist die Besinnung auf die eigene Geschichte, auf das Dorf, auf die eigene Entwicklung und die Traditionen. Die Folge war ein in den 70er Jahren einsetzendes bisher nie dagewesenes Interesse und Engagement für die regionale Geschichte und Volkskultur und deren Wiederaufblühen, wie man es in unserer modernen und hektischen Welt nicht mehr erwartet hätte.

Viele verstehen aber leider ein Engagement für die Heimat einseitig und befassen sich nur mit Ökologie und Umwelt. Andere wiederum sind nur auf die politisch-administrative Entwicklung eines Ortes fixiert. Die Geschichte eines Ortes entwickelte sich zugegeben in erster Linie aus der Landschaft heraus. Sie lieferte das Baumaterial, die Kleidung und die Ernährung. Deshalb verdient unsere Kulturlandschaft durchaus mehr Interesse. Der (seit 1991) 24. Stadtbezirk ist heute immer noch der größte landwirtschaftliche Bezirk der Stadt. Mehr als die Hälfte der Stadtbezirksfläche werden noch landwirtschaftlich genutzt, das ist 1/5 der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Münchens. Das größte Problem der nächsten Jahrzehnte wird es sein, mitzuhelfen, den Feldmochinger Landwirten diese Flächen zu erhalten. Denn der viele landwirtschaftliche Grund rund um Feldmoching kann und darf keine willkommene Reservefläche für großzügige Verkehrs-, Infrastruktur- und Industriebauten oder weitere künstliche Erholungsflächen sein. Hier gilt es nach dem schon vor über 60 Jahren geplanten und nun endlich gebauten Nord-West-Sammler (Abwasserkanal zum Klärwerk Dietersheim) ganz besonders auf der Hut zu sein, denn gerade von ihm könnte aus Rentabilitätsgründen ein enormer Siedlungsdruck auf den Bereich nördlich von Feldmoching ausgehen!

Ich muss an dieser Stelle noch einmal auf den Eingemeindungsvertrag zurückkommen, der in § 14 verspricht:

„Auf die Bedürfnisse der Landwirtschaft wird weitgehendst Rücksicht genommen“.

Damit dies kein leerer Programmsatz bleiben sollte, wurde in § 27 dazu hinterhergeschickt, welche Bereiche unseres Stadtbezirks als Siedlungsgebiet gelten und was der landwirtschaftlichen Nutzung zu überlassen ist. Schließlich verändert jeder abgehende Bauernhof das Ortsbild im Altdorf. Die herrlich großen Dreiseithöfe eignen sich nämlich hervorragend für einen Gewerbebetrieb, weshalb sich nach der Aufgabe der Landwirtschaft neue, nichtadäquate Nutzungen wie ein Getränkemarkt oder vielleicht ein Baumaterialienmarkt aufdrängen. Lassen Sie mich ein Schreckgespenst an die Wand malen; Sind die Gebäude heruntergewirtschaftet, bleibt oft nur der Abbruch. Die Folge ist eine totale Veränderung des Ortsbilds: Keine traditionellen giebelständigen Häuser mit Satteldächern in der überlieferten Dachneigung mehr, sondern eine traufseitige Frontbebauung mit ortsfremden Flachdächern. Welcher städtebaulicher Verhau da in der Übergangszeit entsteht, ist sehr gut an der Pelkovenstraße im alten Moosach zu besichtigen, und wer wissen möchte, wohin das letzten Endes führt, der schaue sich die autobahnartige Moosacher Straße in Milbertshofen an!

Zusammengestellt von Volker D. Laturell, Volkskulturpfleger i.R. der Landeshauptstadt München

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